Schlock!

Die Psychoanalytik des Pop-Trash: Absicht oder nicht, hinter Dracula, Zombies und Leatherface steckt viel mehr als das, was wir auf der Leinwand sehen. Die Themen des Horrors sind substanziell: Leben und Tod, Gut und Böse, das Unerklärliche ganz weit draußen und ganz tief in uns: Horrorfilme wollen treffen, wo es weh tut.

 

Auszüge aus 4 Büchern, je 60 Seiten

 

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Lebende Tote

In Zombiefilmen geht es um Leben und Tod. Das jagt uns einen ordentlichen Schrecken ein. Denn nichts kann erschreckender, fremder und gleichzeitig unausweichlicher sein als das Ende unseres Daseins. Zombies existieren in einem absurden Zustand zwischen Leben und Tod. Sie sind ekelig und verwesen, wie jeder andere normaler Leichnam auch. Der Unterschied ist aber, dass uns diese Leichname wortwörtlich verfolgen: Mit blutigen Fingern und eingeschlagenen Gesichtern greift diese Art von Ungeheuer nach uns und droht, uns zu einen von ihnen zu machen. Die eigene Sterblichkeit ist uns buchstäblich auf den Fersen. Der Zombie ist eine Metapher dieses unbehaglichen Bewusstseins.

Die Opfer der Zombies verschwinden in dieser Masse der Toten und werden Teil von ihr. Die Thematik ist hier das Einswerden mit den verstorbenen Ahnen und eine Konvergenz aller Materie, lebendig und tot gleichermaßen.

Wenn man ein Zombie ist, denkt man nicht mehr nach. Viele Filme benutzen den Zombie als Parodie des modernen Menschen. Er ist nicht produktiv, nicht kreativ und tut, was alle anderen auch tun. Er lebt in grauer Routine, letztendlich schadet er seinen Mitmenschen mehr, als er ihnen hilft. Er ist ein Egoist, der die Gesellschaft und Kultur nicht voranbringt.

 

 

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Kinder des Teufels

Vampire sind der Gegenentwurf zum Menschen, aus dem sie sich verwandelt haben. Sie haben sich von der guten und gottesfürchtigen Seite des Lebens abgewandt. Statt am Tag sind sie in der Nacht aktiv, ihnen schadet das Tageslicht sogar. Wenn wir tot sind und in Särgen liegen, stehen wir nicht mehr auf, für Vampire ist das normal. Sie haben übersinnliche Kräfte und bleiben ewig jung und schön. Doch sie zahlen einen Preis dafür: Ihre Seele ist verloren oder zerstört.

Ein Vampir zu sein bedeutet, seine Unschuld und Reinheit zu verlieren. Religiöse Ängste und Schuldgefühle waren die Triebkraft der Angst vor dem Vampir. Deren moralische Bewertung hat sich historisch stark gewandelt. In den letzten Jahrzehnten sind wir in dieser Beziehung immer liberaler geworden. Gleichzeitig verlor auch der Vampir seinen Schrecken.

Ein weiteres zentrales Thema von Vampir- und Dämonenfilmen ist die Moral. Wir erwarten, dass böse Wesen irgendwann für ihre Taten büßen werden. Wir hoffen, dass Verbrechen gesühnt und Rechnungen beglichen werden. Auch in Horrorfilmen wollen wir, dass das Gute am Ende siegen wird. In der Fiktion können wir uns nämlich darauf verlassen, in der Realität nicht.

 

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Fremde Wesen

Wenn sich auf unserem Planeten Leben bilden kann, ist dies theoretisch auch auf anderen Planeten möglich. Wir haben nur noch nichts von ihnen gehört, weil wir so weit von einander entfernt wohnen. Aber falls es doch einmal zum Kontakt kommen könnte, würden uns diese Wesen wahrscheinlich ziemlich unfreundlich begrüßen. Zum Glück ist es noch nicht so weit gekommen, doch das Ungewisse beunruhigt uns mehr als das, was wir wissen.

Monster gibt es in allen Formen und Farben und sie sind uns unter Umständen sogar gar nicht so unähnlich. Vielleicht sind sie gar nicht so unfreundlich wie sie aussehen und sind nur unverstanden. Oder sie haben sich verlaufen und wollen dringend heim. Oder wir haben ihren natürlichen Lebensraum zerstört und sie haben keine andere Chance, als zu uns zu kommen.

Manche Filmmonster stehen uns besonders nahe. Das Skelett ist das klassischste aller Filmmonster. Es ist ein Mensch, wie er entstellter nicht sein könnte. Ausgerechnet so ein Monster ist ein Teil von uns. Wir bestehen selbst aus einem Skelett und auch aus Blut und Gedärmen, das sind die Elemente, die der größte Gruselfaktor in Horrorfilmen sind. Es ist die Entstellung unserer eigenen, sicheren Welt, die uns zurückschrecken lässt. Offene Wunden und Missgeburten zeigen uns ein Bild von Schmerzen und Anderssein. Wir werden uns bewusst, dass die Integrität unseres eigenen Körpers flüchtig sein kann.

 

 

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Krankes Hirn

Für das Genre der Psychokillerfilme haben sich die Filmemacher stets von echten Fällen inspirieren lassen. Dass die Realität verstörender als unsere Fantasie sein kann, beweisen die Fälle von Mördern wie Ed Gein, Ted Bundy und John Wayne Gacy; Männer, die Filme wie Texas Chainsaw Massacre, The Silence of the Lambs und It mindestens teilweise inspirierten.

Die Killer in Horrorfilmen haben stets zwei Gesichter. Ein durchgehendes Motiv ist dabei die Maske, die ihr Gesicht bedeckt und das Motiv der zwei Identitäten widerspiegelt. Diese Maske kann furchteinflößend sein wie bei Leatherface. Oder die Maske ist das Gesicht eines Jedermanns wie das von Norman Bates, dass über seinen kranken Geist hinwegtäuschen soll.

In diesen Filmen scheint es, als wäre der Killer die Hauptfigur. Der Zuschauer personifiziert sich ein bisschen mit ihm und freut sich, wenn seine Opfer – meist unerträgliche Stereotypen – den verdienten Tod erhalten. Die Killer sind sympathisch, weil sie alle ihre Triebe ausleben, sie sind Einzelgänger auf einem Rachefeldzug gegen die Welt. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ sagte schon Thomas Hobbes. Ein brutaler Killer bietet eine Projektionsfläche, damit wir unseren inneren Wolf ausleben dürfen. Die Gewalt auf dem Bildschirm wird zur kathartischen Befreiung für die Zuschauer.

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Bleibt gesund

Schlock!

Love, Death and Shakespeare